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Der Einzug

Einzug in ein Zuhause   ( Bericht von Frau Becker )

Ich hatte das Glück, vor meiner Zusage für die Übernahme der Gruppenleitung des Bietigheimer Waldorfkindergartens, dessen Räumlichkeiten nicht zu kennen. Als ich jene zum erstenmal betrat, stand ich vor der Frage, wie ich dort Waldorfpädagogik lebendig vermitteln könnte. Viele von Ihnen wissen um den Zustand, in dem sich unsere Kindergartengruppe lange Jahre befand. Trotzdem möchte ich kurz schildern, wie sich die Situation anfangs für mich darstellt:

Ein Plattenbau, für einen staatlichen Kindergarten in den 70er Jahren gebaut, mit 4 Gruppenräumen und einem riesigen Flur, Küche und 2 Toiletten- räumen. Den Gartenboden bedecken viele Asphalt- elemente, wodurch wenig Rasenfläche und kaum Beete Platz finden. Jeder Gruppe war ein Sand- kasten zugeteilt. Die Innenräume wirken durch weiße Wände, große Fenster und Neonbeleuchtung sehr ungemütlich. Dem Gruppenraum sah man jedoch an, daß man trotzdem bemüht war, das Beste aus dieser Situation zu machen. Diesem Vorsatz schloß ich mich an, auch wenn dies einen Kompromiß bedeutet hat. Wie glücklich waren wir dann alle, als wir am Ende der Sommerferien das Ziel vor Augen hatten, in den Herbstferien umzuziehen. Für die Kinder und mich bedeutete diese Zielsetzung, daß wir jetzt anfangen mußten Kisten zu packen. Zuerst wurden die ganzen Weihnachts-, Frühlings- und Sommersachen gut verpackt. Da ich mir vorgenommen hatte, am 17. Oktober 1997, dem letzten Tag vor den Herbstferien, zusammen mit den Kindern umzuziehen, mußten wir nun auch langsam unseren Gruppenraum ein- packen.

Jeden Tag fieberten die Kinder schon auf die nächsten leeren Kartons, die sie mit Begeisterung füllten und vor die Tür stellten. In der letzten Woche fingen wir dann an, die Vorhänge abzunehmen, das Spielregal einzuräumen und abzubauen.

Kaufladen, Bauecke und Puppenhaus folgten. Unsere Puppenkinder wurden bis zum Schluß gut gehegt und gepflegt. Am besagten 17.10.97 kamen die Kinder morgens in den alten Kindergartenraum und fanden außer den Tischen und 4 Bollerwagen, nur Puppen und Vesper vor. Nun verstauten wir noch behutsam die Zwerge und Puppen in den Bollerwagen und vergaßen auch unsere Hausschuhe nicht. Dann machten wir uns auf den Weg. Die Kinder und wir werden diesen Tag wahrscheinlich nie vergessen. Wir zogen in einer langen Karawane durch den Morgennebel und sangen laut vor Freude. Nachdem der kalte Wind hinter uns lag, machten wir im Sonnenschein ein Traubenpäuschen und kontrollierten alle Schrauben an den Wagen. Ich muß kurz erwähnen, daß wir mind. 3 km gelaufen sind und, wie schon gesagt, 4 vollbepackte Bollerwagen mit hatten, welche nur die Kinder gezogen haben. Keines der Kinder kam auf die Idee, sich selbst in einen der Wagen zu setzen.Als wir dann unseren Kindergarten in der Ferne schon sehen konnten, nahmen wir das letzte Wegstück mit Leichtigkeit. Die verbleibende Stunde im neuen Zuhause ist nicht mit Worten zu beschreiben. Die Kinder packten Ihre Hausschuhe aus und fanden alle sofort ihr Bildsymbol an der Garderobe. Wir wuschen uns die Hände an dem wunderschönen Waschbecken und sammelten uns vor der Gruppenraumtüre. Dann bezogen wir unseren Raum mit soviel Licht und Strahlen in den Augen der Kinder, daß es fast zu blenden schien. Frau Jung und ich hatten einen Abend und die Nacht vorher den Gruppenraum vollständig eingeräumt, so daß die Kinder all ihre liebgewonnenen Sachen um sich hatten. An- schliessend brachten wir unsere Puppenkinder ins Bett, die nach so einer langen und holprigen Reise natürlich müde waren und zeigten den Zwergen ihr neues Zuhause. Der Hunger rief uns jetzt in den Kreis, wo wir dann genüßlich auf den Sitzflächen unserer Stühle (die Tische waren noch in den alten Räumlich- keiten) unser Vesper verzehrten. Zum Abschluß haben wir den Kindern noch ein Märchen vorgespielt.

Ich glaube, das Glänzen in den Augen und die Freude an einem neuen Zuhause hat der ganzen Waldorfkindergartengemeinschaft zu viel Kraft, Mut, Geduld und Ausdauer verholfen. Kraft für die Baustelle, die immer noch um uns herum ist. Mut um neue Wege zu gehen mit Eröffnung einer Spielgruppe und Aufbau einer zweiten Kindergartengruppe. Geduld bei den menschlichen Auseinander- setzungen, die nicht ausblieben bei einer großen Familie mit selbstgeschaffenem Zuhause, und Ausdauer für alles Vorangegangene. Ich merke den Kindern und auch mir selbst stark an, daß der äußere Rahmen, die Hülle, doch sehr wohl und genießen jeden Tag mehr unser Zuhause.

Vielen Dank, im Namen der Kinder für den großen Einsatz und den Mut kind- gerechte Erziehung zu ermöglichen.

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